Zwei Wirklichkeiten

Das Schema der Wirklichkeit ist das Dasein in einer bestimmten Zeit. Das Schema der Notwendigkeit ist das Dasein eines Gegenstandes zu aller Zeit.

Immanuel Kant, Kritik der reinen Vernunft

Über Medien, Synthalpie und die Frage, was uns tatsächlich betrifft

Wenn man heute eine Nachrichtensendung einschaltet, betritt man eine bestimmte Welt. Sie ist bevölkert von Namen, Orten, Konflikten und Symbolthemen. Ukraine, Trump, Grönland, Nahost, Krisengipfel, Skandal – innerhalb von Sekunden ist klar, worüber „man“ zu sprechen hat. Diese Welt ist laut, schnell, dramatisch. Sie erzeugt Dringlichkeit. Und doch kollidiert sie merkwürdig oft mit einer anderen Welt: der Welt, in der die meisten Menschen tatsächlich leben.
Diese zweite Welt ist nicht ereignisgetrieben. Sie besteht aus Beziehungen, Routinen, Bedeutungen, Zugehörigkeit, kleinen Erfolgen, Stabilität. Sie ist nicht frei von Schwierigkeiten – aber sie ist für die meisten Menschen durchweg positiv, getragen, bewohnbar. Keine dauernde Krise, kein permanenter Ausnahmezustand.
Zwischen diesen beiden Welten öffnet sich eine Lücke. Diese Lücke ist nicht bloß subjektiv. Sie ist strukturell. Und sie ist philosophisch brisant. Denn hier geht es nicht um einzelne Nachrichten oder politische Lager, sondern um die Frage, wie Wirklichkeit überhaupt entsteht – und wie eine Gesellschaft sich in ihr orientiert.

Wirklichkeit ist keine Tatsache, sondern eine Ordnung

Wirklichkeit ist nicht einfach die Summe dessen, was geschieht. Wirklichkeit ist das, was für uns Bedeutung bekommt.
Gesellschaften orientieren sich nicht an der Gesamtheit aller Ereignisse, sondern an jenen, die als relevant markiert werden. Relevanz ist dabei kein Naturfakt. Sie ist eine kulturelle und soziale Setzung – und Medien gehören zu den mächtigsten Instanzen dieser Setzung. Sie entscheiden nicht, was passiert. Aber sie entscheiden, was sichtbar wird, was wiederholt wird, was zirkuliert, was erinnerbar bleibt, was zu „Themen“ wird.
Dabei folgen sie einer Logik, die man nicht moralisch beurteilen muss, um sie zu verstehen:

  • Ereignisse sind attraktiver als Prozesse.
  • Konflikte sind attraktiver als Stabilität.
  • Personen sind attraktiver als Beziehungen.
  • Dramatik ist attraktiver als Kontinuität.
  • Gegenwart ist attraktiver als Zukunft.

Diese Logik ist nicht unbedingt ein Malum. Sie ist funktional. Sie erzeugt Aufmerksamkeit- diese ist jedoch kein neutrales Medium. Aufmerksamkeit ist ein Verzerrer.

Zwei Ontologien: Ereigniswelt und Kohärenzwelt

Die mediale Wirklichkeit ist ereignishaft: Sie besteht aus einzelnen Vorfällen, die
aneinandergereiht werden. Etwas passiert – und wird sofort vom nächsten Ereignis ersetzt. Bedeutung entsteht nicht durch Zusammenhang, sondern durch Intensität: durch Lautstärke, Tempo, Zuspitzung. Das ist eine Ontologie der Ereignisse.
Demgegenüber steht eine andere Wirklichkeit: die Wirklichkeit sozialer Systeme. Sie ist nicht ereignishaft, sondern relational. Sie besteht nicht aus isolierten Vorfällen, sondern aus stabilisierten Wechselwirkungen. Und genau hier beginnt der Begriff Synthalpie.
Synthalpie beschreibt soziale Systeme nicht über Substanz oder Ort, nicht über „Dinge“ und nicht über „Akteure“, sondern über Kohärenz – als Maß, in dem Wechselwirkungen sich zu stabilen Beziehungen organisieren.
Ein soziales System ist in dieser Perspektive nicht die Summe seiner Mitglieder, sondern die Qualität seiner Beziehungen. Nicht was passiert ist entscheidend, sondern das was trägt.

Was Medien strukturell nicht sehen können

Medien können Ereignisse zeigen. Sie können Konflikte erzählen. Sie können Akteure
benennen. Sie können Drama erzeugen. Was sie strukturell kaum abbilden können, ist Kohärenz.
Kohärenz ist leise. Sie ist langsam. Sie zeigt sich nicht in Schlagzeilen, sondern in
Tragfähigkeit: darin, dass Menschen einander vertrauen können, dass Erwartungen stabil sind, dass Bedeutungen geteilt werden, dass Handlungen anschlussfähig bleiben.
All das ist real. Es ist die Substanz des Zusammenlebens. Aber es ist nicht spektakulär.
Und weil es nicht spektakulär ist, verschwindet es im Schatten dessen, was medial „zieht“. Das ist keine Verschwörung. Es ist Systemlogik.

Warum Klimawandel so leicht verdrängt wird

Wenn man diese beiden Wirklichkeiten auseinanderhält, wird sofort sichtbar, warum ein Thema wie Klimawandel medial strukturell benachteiligt ist.
Der Klimawandel ist kein einzelnes Ereignis. Er ist ein Prozess. Er ist keine Schlagzeile. Er ist eine Transformation. Er ist nicht „Umwelt“. Er ist die Bedingung zukünftiger Gesellschaft. Denn er beeinflusst: Migration und Fluchtbewegungen, Umweltkatastrophen und Extremereignisse, Wasserverfügbarkeit, Nahrungsmittelsicherheit, wirtschaftliche Grundlagen, gesundheitliche Risiken, soziale Spannungen und politische Stabilität.
Es ist schwierig, dies als täglichen Aufmerksamkeitsreiz zu erzählen, ohne es zu banalisieren oder zu dramatisieren. Genau darum tritt es so leicht zurück hinter die dramatische Ereigniswelt aus Symbolthemen und Krisenmeldungen.
Die Folge ist eine paradoxe Situation: Das Zukunftszentrale wirkt in der Öffentlichkeit oft weniger wichtig als das Gegenwartslaute.

Die kognitive Fehlkalibrierung der Gesellschaft

Wenn eine Gesellschaft dauerhaft über eine Wirklichkeitsform informiert wird, die nicht mit ihrer gelebten Wirklichkeit übereinstimmt, entsteht nicht einfach nur eine falsche Meinung. Es entsteht eine Fehlgewichtung. Die Menschen verlieren nicht die Fähigkeit zu fühlen – sondern die Fähigkeit, Prioritäten zu erkennen.
Das ist eine kognitive Fehlkalibrierung: Nicht, dass man Falsches glaubt, sondern dass man das Falsche für wichtig hält.
Langfristige, kohärenzrelevante Prozesse verschwinden hinter kurzfristigen Aufmerksamkeitsreizen. Die gesellschaftliche Orientierung wird sprunghaft, fragmentiert, reaktiv.

Was diese Wirklichkeitsform mit Menschen macht

Die Wirkung ist nicht zwingend Angst – oft ist es etwas Tieferes: Abkopplung.
Denn wenn „die Welt“ medial permanent eskaliert, während das eigene Leben überwiegend stabil bleibt, dann entsteht ein Spalt: Das eigene Leben wirkt wie ein geschützter Innenraum, die Welt wie ein chaotischer Außenraum, und zwischen beiden gibt es kaum noch verbindende Bedeutung.
Daraus entstehen typische Effekte: Abkopplung (große Fragen erscheinen fern und abstrakt), Bedeutungsverlust (das Langfristig-Relevante fühlt sich weniger dringlich an als das medial Laute), Orientierungslosigkeit (Wichtigkeit wechselt ständig), Reaktionsmodus (Aufmerksamkeit springt von Reiz zu Reiz), Polarisierung (Komplexität zerfällt in Lager), moralische Ermüdung (Dauererregung führt zu Rückzug statt Engagement).
Das ist kein individuelles Versagen. Es ist eine systemische Konsequenz.

Moral als Systemfunktion – nicht als Meinung

In diesem Synthalpie-Modell ist Moral keine Geschmackssache und keine Lageridentität. Moral ist keine Meinung, die man „hat“. Moral ist eine Systemfunktion.
Das bedeutet: Moral ist etwas, das soziale Systeme leisten, wenn sie tragfähig bleiben. Sie entsteht dort, wo Wechselwirkungen so organisiert sind, dass sie sich gegenseitig stabilisieren, statt sich zu zerstören. Moral beschreibt nicht, was jemand gut findet, sondern was ein System kohärent macht.
In einer ereignisbasierten Welt erscheint Moral als Streitfrage: Wer hat recht? Wer ist schuld? Wer gehört zu welchem Lager?
In einer kohärenzbasierten Welt erscheint Moral als Beziehungsfrage: Welche Handlungen erzeugen Stabilität? Welche zerstören sie? Welche machen Zukunft möglich?
Moral ist hier kein Urteil, sondern eine Form von Orientierung über Folgen.
Nicht: Was halte ich für richtig? Sondern: Welche Formen des Zusammenlebens können sich erhalten, ohne ihre eigenen Grundlagen zu zerstören?
Das ist ein echter Paradigmenwechsel.

Erkenntnis und Handeln: Warum Wissen nicht reicht

Man kann vieles wissen und trotzdem nichts tun. Erkenntnis allein erzeugt noch keine Handlung. Aber Erkenntnis kann verpflichtend werden – wenn sie nicht nur Information bleibt, sondern Selbstverortung erzeugt: das Bewusstsein, Teil eines Wirkungsgefüges zu sein.
Genau das leistet eine kohärenzbasierte Sichtweise: Sie stellt nicht nur fest, was passiert, sondern macht sichtbar, was daraus wird, was dadurch stabil bleibt und was dadurch zerfällt.
Medien liefern uns oft Informationen ohne Zusammenhang. Synthalpie-orientiertes Denken liefert Zusammenhang und macht dadurch Verantwortung überhaupt erst möglich.

Eine Gegenarchitektur

Was hier skizziert wird, ist keine Medienkritik. Ich sage nicht: „Die Medien lügen.“ Und ich sage auch nicht: „Alles ist schlecht.“ Ich sage: Die Form der öffentlichen Wirklichkeit ist nicht mehr kompatibel mit den Problemen, die wir haben. Die Krise liegt weniger in einzelnen Inhalten als in der Architektur von Relevanz – in der Art, wie Bedeutungen produziert und verteilt werden.
Das Projekt ist deshalb eine Gegenlogik zur ereignisbasierten Öffentlichkeit: nicht über Aufregung, sondern über Tragfähigkeit; nicht über Positionen, sondern über Kohärenz; nicht über Schlagzeilen, sondern über Beziehungen; nicht über kurzfristige Dringlichkeit, sondern über langfristige Folgen, wird nachgedacht.
Es ist der Versuch, Wirklichkeit wieder so zu ordnen, dass wir in ihr urteilsfähig bleiben.

Social Media: Fragmentierte Wirklichkeit und der Verlust von Synthalpie

Social Media verschärfen die beschriebene Spaltung der Wirklichkeit nicht nur – sie verändern ihre Struktur grundlegend. Während klassische Medien noch eine gemeinsame, wenn auch ereignisbasierte Öffentlichkeit erzeugen, produzieren Social Media eine Vielzahl paralleler Wirklichkeitsräume. Diese Räume sind nicht redaktionell geordnet, nicht hierarchisch gewichtet und nicht auf gemeinsame Relevanz ausgerichtet. Sie entstehen algorithmisch, personalisiert und reaktiv.
Sichtbar wird nicht, was trägt, sondern was Aufmerksamkeit bindet. Nicht Zusammenhang, sondern Resonanz entscheidet.
Damit verschiebt sich die Frage öffentlicher Orientierung erneut: von „Was ist wichtig?“ zu „Was hält mich bei der Stange?“ Für eine kohärenzbasierte Wirklichkeit ist das folgenreich. Synthalpie – verstanden als Maß der Kohärenz sozialer Systeme – entsteht durch stabile, wiederholte, anschlussfähige Wechselwirkungen. Sie setzt Dauer, Beziehung und geteilte Bedeutung voraus.
Social Media fördern jedoch das Gegenteil: kurzfristige Reaktionen statt langfristiger Beziehungen, Positionierung statt Verbindung, Sichtbarkeit statt Tragfähigkeit. Interaktion wird vom Beziehungszusammenhang abgelöst. Es entsteht Aktivität ohne Bindung.
Moral verschiebt sich in diesem Umfeld von einer Systemfunktion zu einem Identitätssignal. Sie dient weniger der Stabilisierung sozialer Zusammenhänge als der Markierung der eigenen Zugehörigkeit. Entscheidend ist nicht mehr, welche Handlungen langfristig kohärent sind, sondern welche Position öffentlich sichtbar gemacht werden kann.
Auf diese Weise entsteht lokale Kohärenz bei globaler Inkohärenz: Innerhalb einzelner Blasen hohe Übereinstimmung, starke emotionale Bindung und moralische Eindeutigkeit – zwischen den Blasen jedoch zunehmende Unverständlichkeit, Sprachlosigkeit und strukturelle Fragmentierung.
Die kognitive Fehlkalibrierung beschleunigt sich. Wichtigkeit wird durch Reichweite ersetzt, Bedeutung durch Engagement-Metriken. Was häufig geteilt wird, fühlt sich relevant an – unabhängig davon, ob es zur Stabilität sozialer Systeme beiträgt oder sie untergräbt.
Das zentrale Problem liegt dabei nicht in einzelnen Inhalten, sondern in der Bedeutungsarchitektur der Plattformen selbst. Social Media sind optimiert auf Aufmerksamkeit, Reaktion und emotionale Aktivierung – nicht auf Kohärenz, Langzeitfolgen oder Synthalpie.
Aus dieser Perspektive sind Social Media nicht primär moralisch problematisch, sondern ontologisch. Sie erzeugen eine Wirklichkeit, die systematisch jene Eigenschaften schwächt, von denen langfristige gesellschaftliche Tragfähigkeit abhängt.
Damit markieren sie den äußersten Punkt der ereignis- und reizbasierten Wirklichkeitsform – und zugleich die Grenze dessen, was eine kohärenzbasierte Öffentlichkeit aushalten kann.

Wirklichkeit, Verantwortung und die Frage der Bewohnbarkeit

Die hier entwickelte Unterscheidung zwischen einer ereignisbasierten und einer kohärenzbasierten Wirklichkeit ist keine bloße Analyse medialer Formate. Sie zielt tiefer. Sie berührt die Frage, wie Gesellschaften sich selbst verstehen – und woran sie ihr Handeln ausrichten.
Öffentliche Wirklichkeit ist niemals neutral. Sie strukturiert Aufmerksamkeit, formt Prioritäten und setzt implizite Maßstäbe dafür, was als relevant, dringlich oder vernachlässigbar gilt. In diesem Sinne ist jede Wirklichkeitsordnung immer auch eine moralische Ordnung – unabhängig davon, ob sie sich explizit moralisch versteht.
Eine ereignis- und reizbasierte Öffentlichkeit erzeugt Handlungsdruck ohne Orientierung. Sie konfrontiert mit Dringlichkeit, ohne Zusammenhang herzustellen. Sie informiert, ohne zu verorten. Daraus entsteht Wissen ohne Verantwortung und Aufmerksamkeit ohne Konsequenz.
Eine kohärenzbasierte Wirklichkeit hingegen verschiebt den Fokus: weg von der Frage, was gerade geschieht, hin zu der Frage, was dadurch stabilisiert oder destabilisiert wird. Sie betrachtet Handlungen nicht isoliert, sondern im Lichte ihrer Folgen für Beziehungen, Strukturen und Zukunftsfähigkeit.
Damit verändert sich auch der Status von Erkenntnis. Erkenntnis bleibt nicht bei Information stehen, sondern wird zur Selbstverortung innerhalb eines Wirkungsgefüges. Sie erzeugt nicht automatisch Handlung – aber sie macht Verantwortung überhaupt erst sinnvoll.
Diese Perspektive verlangt keine moralische Überhöhung und keine neue Ideologie. Sie verlangt lediglich, Wirklichkeit so zu ordnen, dass langfristige Zusammenhänge sichtbar bleiben. Nicht alles, was laut ist, ist wichtig. Und nicht alles, was wichtig ist, ist laut.
Die zentrale Frage lautet daher nicht, welche Meinung die richtige ist, sondern welche Wirklichkeitsform wir bewohnen wollen. Eine, die auf kurzfristige Reize reagiert – oder eine, die Tragfähigkeit erkennt. Eine, die fragmentiert – oder eine, die verbindet.
In diesem Sinne versteht sich dieses Projekt nicht als Kritik an einzelnen Akteuren, Medien oder Plattformen. Es ist der Versuch, eine andere Form gesellschaftlicher Selbstbeschreibung vorzuschlagen: eine, die Kohärenz sichtbar macht und Synthalpie als reale, wirksame Eigenschaft sozialer Systeme ernst nimmt.
Ob eine Gesellschaft zukunftsfähig ist, entscheidet sich nicht allein an technischen oder politischen Lösungen. Es entscheidet sich daran, ob sie in einer Wirklichkeit lebt, die sie verstehen kann – und die sie tragen kann. Die Frage ist nicht, ob wir informiert sind. Die Frage ist, ob die Wirklichkeit, in der wir uns orientieren, noch bewohnbar ist.

Was sind nun Raum und Zeit? Sind es wirkliche Wesen? Sind es zwar nur Bestimmungen, oder auch Verhältnisse der Dinge…

Immanuel Kant, Kritik der reinen Vernunft

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